28. Mai 2019

„Wien soll bis 2030 eine der fünf großen Forschungs- und Innovationsmetropolen Europas werden“

WWTF-Geschäftsführer Michael Stampfer sprach mit den iv-positionen über den Forschungs- und Innovationsstandort Wien. 

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Mit  2020  läuft  die  aktuelle  Strategie  der Stadt  Wien  für  Forschung, Technologie  und Innovation  aus.  Deren  Überarbeitung  und Erweiterung um den Aspekt des Wirtschaftsstandorts  ist  –  auch  unter  Einbindung  der IV-Wien  –  im  Laufen.  Was  ist  Ihr  Fazit  zur FTI-Strategie 2020? Was ist aus Ihrer Sicht für die  neue  Strategie  notwendig,  um  Wien als   Forschungs-   und   Innovationsstandort weiter voranzubringen?

Stampfer: Die FTI-Strategie „Innovatives Wien 2020“ hat einen wichtigen Schub für mehr Innovationsverständnis und zahlreiche spannende Projekte initiiert. Dabei ist sowohl nach außen als auch nach innen sehr viel passiert: Einerseits sind das zahlreiche Initiativen für und mit Unternehmen, Universitäten und zivilgesellschaftlichen Akteuren, oft in engen Kooperationsformen. Andererseits – und das meine ich mit „nach innen“ – ist eine große Welle von Projekten in der Stadtverwaltung und den städtischen Betrieben ausgelöst worden: Innovative Beschaffung, neue Kooperationsformen und Innovationen für die Daseinsvorsorge sind nur ein paar Beispiele von vielen. Die neue Strategie hat in der Tat als Asset, dass Wirtschaft und Innovation gemeinsam gedacht werden. Aus unserer Sicht soll damit ein entscheidender Beitrag dafür geleistet wer- den, was sich Wien als „Smart City“ offiziell vorgenommen hat: Wir wollen bis 2030 eine der fünf großen Forschungs- und In- novationsmetropolen Europas werden. Das bedeutet Anstrengungen in der Spitzenforschung ebenso wie in der Verbreiterung der Innovationsbasis.

Ein Schlagwort, das aktuell für viel Diskussion sorgt, ist „Digitalisierung“, wobei unterschiedliche Akteure darunter oft Verschiedenes verstehen. Was ist Ihr Verständnis von Digitalisierung und wie geht der WWTF mit diesem Thema um? Wo sehen Sie die Rolle der Politik bei der Digitalisierung?

Große Frage. Ich fange mit dem WWTF an: Der versucht die schon angesprochene Wiener Spitzenforschung in den Informations- und Kommunikationstechnologien noch schlagkräftiger und sichtbarer zu machen. 2018 und 2019 zusammengenommen, finanzieren wir um 13 Millionen Euro Projekte und Talente in den Computerwissenschaften und eng verwandten Bereichen. Das machen wir wegen der entscheidenden Bedeutung dieser Forschung für den Forschungs- und Innovationsstandort Wien, und wir machen es, weil Geld für Vorfeldforschung in diesen Disziplinen in Österreich recht knapp ist. Mit einer kritischer Masse an sehr guten Wissenschaftlern können Standorte auch Unternehmen halten oder anlocken und den lokalen Bedarf sehr gut bedienen. Mein Verständnis der Digitalisierung lässt sich mit zwei Begriffen umschreiben: „Überall“ und „für den Menschen“. Beide geben der Politik Aufgaben vor: „überall“ heißt, neuen Denkstrukturen, Administrationsformen und Geschäftsmodellen zum Durchbruch zu verhelfen. „Für den Menschen“ heißt, dass wir uns auch hier in Wien überlegen müssen, wo wir mit der Digitalisierung hinwollen. Wir müssen überlegen, wie auch spannende Alternativen aussehen könnten. Kürzlich hatten wir auf der TU Wien einen großen interdisziplinären Workshop unter dem Titel „Digitaler Humanismus“. Es waren prominente Computerwissenschaftler aus aller Welt, die das organisiert haben. Das haben sie gemacht, weil sie ernsthafte Gefahren und Fehlentwicklungen sehen, in den sozialen Medien ebenso wie im Ausmaß von Kontrolle und asymmetrischer Information. Hier muss und kann etwas geschehen. Wien war schon mehrfach in der Geschichte ein Ort, an dem einflussreiche neue Ideen entstanden sind, und das können wir wieder werden.

Eine qualitativ hochwertige Bildung vom Kindergarten bis zur Aus- und Weiterbildung im Erwachsenenalter ist unerlässlich, um im Innovationsund Standortwettbewerb zu bestehen. Welche sind die Stellschrauben, an denen man drehen müsste, um den größtmöglichen Effekt für den Innovationsstandort Österreich und für Wien zu erzielen? Was würden Sie sich von der Bundesregierung erwarten? Was kann die Stadt tun?

Mehr Stellenwert für die MINT-Fächer ist cool und notwendig. Mehr Platz für Kreativität und kritisches Denken ist aber auch cool und notwendig. Wenn Sie mich auffordern, dass ich mir von der Bundesregierung da wirklich etwas erwarten darf, dann Platz und Förderung von beidem! Und der Bund und die Stadt können dabei Hand in Hand tätig sein.

Die Förderinstrumente des WWTF sind auf die Stärkung der Spitzenforschung in Wien ausgerichtet. Mehr als die Hälfte der F&E-Ausgaben entfallen auf den Unternehmenssektor. 77 Unternehmen alleine sind für fast 40 Prozent aller Wiener F&E-Ausgaben verantwortlich, darunter naturgemäß viele produzierende Betriebe. Wie kann die Wiener Industrie von den Leistungen des WWTF profitieren?

Im Gegensatz zu europäischen Innovation Leadern wie der Schweiz oder Schweden ist die Forschungsförderung in Österreich sehr spezifisch verteilt: Über alle Instrumente wird die Industrie (mit beeindruckenden Argumenten und Ergebnissen) sehr gut gefördert, während die kompetitiven Mittel für Universitäten und Forschungseinrichtungen vergleichsweise knapp bemessen sind. Das ist der eine Grund, warum der WWTF als privat-gemeinnütziger Forschungsförderer seine Mittel für universitäre und außeruniversitäre Projekte vergibt. Der andere Grund ist der, dass von entsprechender Vorfeldforschung etwa in den IKT und den Life Sciences mittelfristig die Industrie gut profitieren kann. Ich denke dabei an erstklassige Absolventen, das Anziehen von Talenten oder die Kooperation von Spitzenforschern mit Unternehmen. In einer Studie über die Attraktivität von Standorten für die Ansiedlung von F&E-Abteilungen internationaler High-Tech-Konzerne haben wir zeigen können, dass kritische Masse in der (meist akademischen) Vorfeldforschung sowie das Vorhandensein von Spitzentalenten die zwei wichtigsten Attraktionsfaktoren in der Standortwahl sind. Der WWTF ist ein sehr strenger Förderer mit harten internationalen Qualitätssicherungsmechanismen und einem Fokus auf Bereiche, in denen Wien schon gut ist. Dafür erhalten starke Forschergruppen hohe Mittel für Projekte mit Umsetzungsperspektive. Wir erhalten diese Mittel vor allem von einer Privatstiftung und auch von der Stadt Wien. Dazu bekommen wir seit ein paar Jahren auch weitere Zuwendungen anderer privater Geber, die dann als „Matching Funds“ von der Stadt Wien verdoppelt werden: Ein Erfolgsmodell für alle Seiten, über das wir noch vieles berichten werden!

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